Süddeutsche Fußballmeisterschaft 1909/10

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Der Süddeutsche und Deutsche Meister Karlsruher FV des Jahres 1910 mit Trainer William Townley.

Die Süddeutsche Fußballmeisterschaft 1909/10 gewann zum sechsten Mal Südkreismeister Karlsruher FV. In diesem Jahr gelang dem KFV im vierten Anlauf auch der Gewinn des Deutschen Meistertitels. Gegen die drei anderen Kreismeister des VSFV, Viktoria 1894 Hanau, Mannheimer FG 1896 und Bayern München, hatte sich der KFV in der süddeutschen Endrunde zuvor ohne Verlustpunkt durchgesetzt.

Die bereits im Vorjahr begonnene Straffung der obersten süddeutschen Spielklassen wurde in diesem Jahr fortgeführt. In der Spielzeit 1909/10 gab es bereits in drei von vier Kreisen eine eingleisige A-Klasse, deren Meister für die süddeutsche Endrunde qualifiziert waren. Lediglich im Ostkreis wurde noch in zwei (statt bisher drei) Staffeln gespielt, die Ostkreismeisterschaft wurde in einer Endrunde mit den jeweils zwei Tabellenersten und -zweiten ausgespielt.

Nordkreis

Datei:Nordkreismeisterschaft1910.png
„Die Nordkreismeisterschaft 1909/10“. Zeitgenössische Karikatur.

Die Schaffung einer eingleisigen Spielklasse mit zwölf Mannschaften, die in einer Doppelrunde ausgetragen wurde, bedeutete für die Vereine des Nordkreises einerseits eine Mehrbelastung, da nunmehr 22 Pflichtspiele ausgetragen werden mussten, andererseits auch mehr Einnahmen, die dem Ausbau und der Instandhaltung der Platzanlagen zugute kam. Fußball war inzwischen mehr als nur ein reines Freizeitvergnügen geworden, beim Rennen um die Meistschaft ging es, wie nebenstehende Karikatur auf einer Postkarte aus Wiesbaden andeutet, neben Punkten und Titeln auch ums Geld. Die Errichtung und der Betrieb von umzäunten Sportplätzen, die zumeist von der Stadt gepachtet werden mussten, brachte viele Vereine in finanzielle Schwierigkeiten. Der Frankfurter FC Hermannia etwa, im Vorjahr noch Vierter der Südmaingau-Staffel und zweitgrößter Fußballverein der Stadt, musste 1910 die Segel streichen, weil er sich mit dem erst 1906 errichteten „Sportpark“, einer Platzanlage mit Holztribüne im Ostpark, übernommen hatte. Die 300 Zuschauer fassende Tribünde wurde anschließend vom FFC Victoria aufgekauft und an seinem Platz an der Eschersheimer Landstraße errichtet.

In der Liga kamen sieben Mannschaften aus Frankfurt, zwei aus Hanau und je eine aus Wiesbaden, Offenbach und Bieber. Das „Rennen“ machte in diesem Jahr erstmals Viktoria 1894 aus der alten Fußball-Hochburg Hanau knapp vor dem erstarkenden SV Wiesbaden, der mit Verteidiger Otto Nicodemus einen Nationalspieler in seinen Reihen hatte, Vorjahreskreismeister Hanau 93 musste sich mit Rang vier begnügen.

1. Viktoria 1894 Hanau 22 17 3 02 69:024 37–07
2. SV Wiesbaden 22 17 2 03 68:024 36–08
3. FSV Frankfurt 22 14 4 04 70:040 32–12
4. 1. Hanauer FC 93 (M) 22 12 4 06 87:030 28–16
5. FFV Amicita und 1902 22 11 3 08 55:057 25–19
6. FVF Kickers 22 11 2 09 44:034 24–20
7. Kickers Offenbach 22 09 4 09 51:037 22–22
8. FFC Victoria 22 06 6 10 54:047 18–26
9. Britannia Frankfurt 22 06 3 13 36:058 15–29
10. Germania Bockenheim 22 05 5 12 33:058 15–29
11. Germania Bieber 22 03 1 18 23:090 07–37
12. Bockenheimer FVgg 22 02 1 19 23:109 05–39

Westkreis

Die Mannschaften aus dem Raum Mannheim/Odenwald/Darmstadt waren zu dieser Saison nochmals „umgetopft“ worden: Bis 1908 dem Nord- und 1908/09 dem Südkreis zugeteilt, spielten sie nunmehr im bis dahin noch vergleichsweise mitgliederarmen Westkreis. Die Mannschaften aus Kaiserslautern und Ludwigshafen hatten gegen die meisterschaftserfahrenen Mannheimer Klubs das Nachsehen, die Mannheimer FG 1896 verlor lediglich zwei Spiele (1:3 gegen den FC Pfalz 03 und 1:2 beim FV Kaiserslautern) und sicherte sich mit vier Punkten Vorsprung den Westkreistitel.

1. Mannheimer FG 1896 16 14 0 02 80:16 28–04
2. FV Kaiserslautern (M) 15 11 0 04 59:22 22–08
3. Phönix Mannheim 16 10 1 05 44:28 21–11
4. Mannheimer FG Union 1897 16 07 2 07 41:34 16–16
5. FC Olympia Darmstadt 15 06 2 07 27:36 14–16
6. Mannheimer FC Viktoria 1897 14 06 0 08 33:32 12–16
7. Ludwigshafener FG 03 16 05 2 09 29:52 12–20
8. FC Pfalz 03 Ludwigshafen 15 04 2 09 19:43 10–20
9. SC Germania Ludwigshafen 13 00 1 12 08:77 01–25

Es fehlen die Ergebnisse von vier Spielen, die aber möglicherweise gar nicht mehr stattfanden.

Südkreis

Im Südkreis waren nun Teilnehmer der vier vorhergehenden Deutschen Meisterschaftsendspiele 1906 bis 1909 sowie des späteren Meisters dieser Spielzeit versammelt: Die deutschen Meister von 1907 (Freiburger FC), 1909 (Phönix Karlsruhe) und 1910 (Karlsruher FV) sowie die Vizemeister der Jahre 1906 (1. FC Pforzheim) und 1908 (Stuttgarter Kickers). Es dürfte sich damit zu dieser Zeit um die spielstärkste deutsche Liga gehandelt haben. Die Karlsruher Lokalrivalen KFV und Phönix lieferten sich ein Kopf- an Kopf-Rennen um die Südkreismeisterschaft und lagen am Saisonende gleichauf. Da das Torverhältnis damals keine Rolle spielte, musste ein Entscheidungsspiel über die Meisterschaft und den Einzug in die süddeutsche Endrunde entscheiden. Vor 5000 Zuschauern entschied der KFV dieses Duell für sich. Da der FC Phönix als Vorjahresmeister dennoch für die Deutsche Endrunde qualifiziert war, traf man im Halbfinale erneut aufeinander.

Es gab keinen Absteiger, die Liga wurde zur Runde 1910/11 auf zehn Vereine aufgestockt. In der B-Klasse konnte sich der FV Germania Beiertheim durchsetzen und stieg in die A-Klasse auf.

1. Karlsruher FV 16 13 1 02 80:12 27–05
2. Phönix Karlsruhe (M) 16 12 3 01 61:22 27–05
3. Stuttgarter Kickers 16 09 4 03 44:18 22–10
4. 1. FC Pforzheim 16 06 3 07 36:41 15–17
5. Alemannia Karlsruhe 16 05 2 09 28:48 12–20
6. Sportfreunde Stuttgart 16 05 1 10 32:55 11–21
7. Freiburger FC 16 03 4 09 36:48 10–22
8. Straßburger FV 16 05 0 11 35:73 10–22
9. FC Union Stuttgart 16 03 4 09 22:57 10–22

Entscheidungsspiel um die Südkreis-Meisterschaft:

Karlsruher FV Phönix Karlsruhe 3:0 6. März 1910 in Pforzheim, 5000 Zuschauer

Ostkreis

Datei:FC Bayern München Ostkreismeister 1910.jpg
Der erste überregionale Titelgewinn des FC Bayern München war die Ostkreismeisterschaft 1909/10.

Der Ostkreis war in diesem Jahr nur noch in eine Nord- und eine Südstaffel unterteilt, der Erste und der Zweite jeder Staffel spielten in einer Endrunde den Ostkreismeister aus. Hier setzte sich der FC Bayern München, der vom Engländer Dr. Hoer trainiert wurde, schlussendlich deutlich durch. In der Ligarunde wurde der härteste Konkurrent, Lokalrivale MTV 1879, im November 1909 mit 8:2 geschlagen und in der Ostkreis-Endrunde blieb die Mannschaft um Torhüter Hofmeister, Mittelstürmer Fritz Fürst und Rechtsaußen Max Gablonsky unbesiegt. Die SpVgg. Fürth wurde mit 12:0 nach Hause geschickt, gegen den 1. FC Nürnberg gab es sowohl zuhause an der Leopoldstraße als auch in Nürnberg-Schweinau ein 4:2. Den ersten Nationalspieler aus Bayern stellte allerdings der 1. FC Nürnberg: Stürmer Ludwig Philipp wurde im April 1910 in zwei Länderspielen eingesetzt, FC Bayern-Spieler Max Gablonsky feierte erst im Monat darauf sein Debüt.

A-Klasse Ostkreis, Staffel Nord
1. 1. FC Nürnberg 10 73:08 20–00
2. SpVgg. Fürth 10 47:25 15–05
3. Pfeil Nürnberg 10 29:34 09–11
4. FC Noris Nürnberg 10 30:43 07–13
5. 1. FC 01 Bamberg 10 18:45 07–13
6. FC Franken Nürnberg 10 15:57 02–18
A-Klasse Ostkreis, Staffel Süd
1. FC Bayern München 8 6 1 1 46:14 13–03
2. MTV München 1879 8 5 2 2 34:23 12–04
3. Wacker München 8 4 1 3 25:24 09–07
4. TV München 1860 8 1 2 5 13:28 04–12
5. MTV Augsburg 8 0 2 6 07:36 02–14
Turngemeinde München zurückgezogen
Endrunde Ostkreis[O 1]
1. FC Bayern München 6 6 0 0 33:10 12–00
2. 1. FC Nürnberg (M) 6 3 0 3 24:17 06–06
3. MTV München 1879 6 2 1 3 19:20 05–07
4. SpVgg. Fürth 6 0 1 5 07:36 01–11
  1. Nach Grüne, S. 38 und Schulze-Marmeling, S. 669. Davon abweichend: greuther-fuerth.de. Offensichtlich liegt ein Unterschied im Ausgang eines Spieles zwischen MTV München 1879 und dem FC Bayern München vor, zudem weichen die Torverhältnisse ab. Für den Ausgang der Ostkreismeisterschaft ist dies aber unbedeutend.

Endrunde um die Süddeutsche Meisterschaft

Nachdem sich der Karlsruher FV im Südkreis erst durch ein Entscheidungsspiel gegen den Stadtrivalen FC Phönix hatte durchsetzen können, gab es in der süddeutschen Endrunde keinen Gegner, der die Mannschaft ernsthaft gefährden konnte, der KFV gewann alle sechs Begegnungen und qualifizierte sich damit erstmals seit 1905 wieder für die Endrunde um die deutsche Meisterschaft. Im Halbfinale trafen die Karlsruher Mannschaften erneut aufeinander – Phönix war als Titelverteidiger automatisch qualifiziert gewesen. Vor 8000 Zuschauern – zu diesem Zeitpunkt Rekordbesuch eines Endrundenspiels um die Deutsche Meisterschaft – gewann der KFV auf eigenem Platz mit 2:1 und zog zum zweiten Mal nach 1905 ins Finale ein, das wie schon fünf Jahre zuvor im Stadion Weidenpescher Park in Köln stattfand. Der Gegner war Nordmeister Holstein Kiel und erst sieben Minuten vor dem Ende der Verlängerung gelang dem KFV per Foulelfmeter das erste und entscheidende Tor. Die in diesem Jahr erstmals von einem professionellen Trainer, dem Engländer William Townley, betreute Elf konnte endlich den lang ersehnten Meistertitel feiern.

1. Karlsruher FV 6 6 0 0 18:07 12–0
2. FC Bayern München 6 2 1 3 16:12 05–7
3. Mannheimer FG 1896 6 2 0 4 11:18 04–8
4. Viktoria 1894 Hanau 6 1 1 4 10:18 03–9

Die Endrundenspiele (unvollständig):

Karlsruher FV Viktoria 1894 Hanau 2:0 und 4:1
Karlsruher FV FC Bayern München 1:0 und 3:2 am 25. und 28. März 1910
Karlsruher FV Mannheimer FG 1896 3:2 und 5:2
FC Bayern München Mannheimer FG 1896 3:0 und 2:4 am 13. März und 3. April 1910
FC Bayern München Viktoria 1894 Hanau 7:2 und 2:2 am 20. März und 20. April 1910

Quellen

Überregional
  • Hardy Grüne: Vom Kronprinzen bis zur Bundesliga. 1890 bis 1963 (= Enzyklopädie des deutschen Ligafußballs. Band 1). Agon Sportverlag, Kassel 1996, ISBN 3-928562-85-1
  • Süddeutscher Fußball-Verband (Hrsg.): 100 Jahre Süddeutscher Fußball-Verband. Vindelica-Verlag, Gersthofen 1997, ohne ISBN (DNB-Link)
  • Der deutsche Fußball (1900 – 1920) (= Libero, Spezial deutsch, Nr. D3, 1992). IFFHS, Wiesbaden 1992, hier insb. S. 84–94 (DNB-Link)
Regional
  • Ulrich Matheja: Schlappekicker und Himmelsstürmer. Die Geschichte von Eintracht Frankfurt. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2007, ISBN 978-3-89533-538-9
  • Dietrich Schulze-Marmeling: Die Bayern. Die Geschichte eines Rekordmeisters. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2009, ISBN 978-3-89533-669-0
  • Harald Schock, Christian Hinkel: Ein Jahrhundert FSV Frankfurt 1899 e.V. Die Geschichte eines traditionsreichen Frankfurter Sportvereins (Festschrift). FSV Frankfurt 1899 e.V. (Hrsg.), Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-89784-189-4
  • 90 Jahre Karlsruher Fussballverein. Eine illustrierte Chronik (Festschrift). Karlsruher FV (Hrsg.), Karlsruhe 1981, ohne ISBN (DNB-Link)
  • Gerhard Zeilinger: Die Pionierzeit des Fussballspiels in Mannheim. Die ersten 25 Jahre von 1894 bis 1919. Fussball-Archiv, Mannheim 1992, ISBN 3-89426-044-0
  • Eintracht-archiv.de - Spielzeiten (private Website über Eintracht Frankfurt)
  • Greuther-fuerth.de - Saisonhistory (offizielle Website der SpVgg Greuther Fürth)
  • Kickers-archiv.de - Spieljahre (private Website über die Stuttgarter Kickers)


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