Drei H-Sturm

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In der Spiegelsiedlung wuchs am Anfang des 20. Jahrhunderts ein o-beiniger junger Mann heran, den sie alle nur „Seppl“ riefen. Josef Herberger war als Sohn eines Arbeiters am 28. März 1897 in der Rue de France zur Welt gekommen, wo er bereits vor der Gründung des SV Waldhof gegen die Lumpenbälle trat. Schon als 17-Jähriger debütierte er 1914 im blau-schwarzen Trikot, doch der Erste Weltkrieg machte ihm und vielen anderen Altersgenossen einen Strich durch die Rechnung.

Der SV Waldhof 1919/20. Von links: Betreuer Heinrich Hölzer, Karl Höger, Hans Bausch, Josef Herberger, Willi Hutter, Otto Engelhardt, Julius Walter, Philipp Bausch, Heinrich Schwärzel, Georg Lidy, Heitz, Simon Skudlarek, Betreuer Jakob Gentner.

Herberger gehörte zu denen, die in die Heimat zurückkehrten. Und als 1919 der „normale Spielbetrieb“ wieder aufgenommen wurde, war „Seppl“ mit dem SVW in der Kreisliga Odenwald am Ball. Im zeitgenössischen 2-3-5-System bildete Herberger gemeinsam mit den Sportkameraden Karl Willmann, Simon Skudlarek, Karl Höger und Willi Hutter ein gefürchtetes Sturmquintett. Vor allem im Verbund mit Höger und Hutter versetzte Herberger die gegnerischen Abwehrreihen in Angst und Schrecken, bald war dieRede vom „Drei-H-Sturm“. Mit 33-3 Punkten stürmten die Waldhöfer zur Meisterschaft, doch weil das bessere Torverhältnis gegenüber dem punktgleichen VfR Mannheim nicht zählte, musste ein Entscheidungsspiel herhalten. Hier ging es nicht nur um den Titel, sondern auch um die Vorherrschaft in der Stadt. Doch weil die lokale Presse erst einen Tag vor diesem Duell die Mannheimer über den neutralen Austragungsort Karlsruhe unterrichtete, sahen nur knapp 1000 Zuschauer eine denkwürdige Partie. 0:0 hieß es nach 90, 1:1 nach 120 Minuten. Der Schiedsrichter pfiff zur zweiten Verlängerung an, in die der VfR dezimiert ging, weil sich ein Spieler verletzt hatte. Auswechslungen waren damals noch nicht vorgesehen, doch nachdem bis zur 157. Minute drei weitere Rasenspieler angeschlagen das Feld verlassen mussten, hatte der Unparteiische ein Einsehen und pfiff ab.

Das Wiederholungsspiel wurde vor 12.000 Zuschauern auf der restlos überfüllten „Fohlenweide“ ausgetragen, Herberger (3) und Hutter schossen einen 4:1-Erfolg für den SVW heraus. Die Blau-Schwarzen hatten sich somit für die Süddeutsche Meisterschaft qualifiziert und traten in der Nordgruppe gegen den 1.FC Nürnberg, den FV Frankfurt und Kickers Offenbach an. Am 11. April 1920 – also am Tag des 13-jährigen Bestehens – gastierte der mit Ausnahmekönnern gespickte 1.FC Nürnberg auf dem ausgebauten „Sandacker“. 13.000 Menschen sahen einen 2:1-Erfolg der Waldhöfer. Nach dem Spiel ließen sich beide Mannschaften zu einem freundschaftlichen Gruppenfoto ablichten, doch der Schein trügte. Weil nämlich die Nürnberger Heinrich Stuhlfauth und Hans Kalb am selben Tag in Hamburg für die Süddeutsche Auswahl spielten, legten die Franken Protest ein – erfolgreich. Das Wiederholungsspiel verloren die Waldhöfer nach 3:1-Führung noch mit 3:4. Es war ein schlechter Start in eine neue Ära, denn erstmals firmierte der Klub nach einer Fusion mit dem TV 1877 Waldhof als „Sport- und Turnverein 1877 Manheim-Waldhof“. Eine Zweck-Ehe, die von Streitigkeiten geprägt war, wie unzählige Vorstandswechsel belegen. Ende Oktober 1925 wurde der Zusammenschluss wieder aufgelöst. Der „SpuTv Waldhof“, wie sich die Blau-Schwarzen in dieser Zeit abkürzten, belegte am Ende der Aufstiegsrunde Platz zwei, die Nürnberger holten knapp zwei Monate später ihre erste Deutsche Meisterschaft. Der „Club“ sollte bei Leibe nicht zum letzten Mal der Stolperstein der Blau-Schwarzen gewesen sein...

Waldhöfer (weiße Hosen) und Nürnberger Spieler versammeln sich am 11. April 1920 zum Gruppenfoto.

In der Saison 1920-1921 schoss der „Drei-H-Sturm“ die Waldhöfer erneut zur Odenwald-Meisterschaft, wieder war der 1.FC Nürnberg Gegner in der Nordgruppe zur „Süddeutschen“. Und diesmal wollten die Blau-Schwarzen nichts dem Zufall überlassen. Um optimal vorbereitet in diese Spiele zu gehen, verpflichteten sie den Engländer William „Billy“ Townley als Cheftrainer. Der 55-Jährige hatte sich als auf der Insel als Spieler der Blackburn Rovers seine Meriten verdient. Im FA-Cup-Finale 1890 gegen „The Wednesday“ (6:1) glückte Townsley der erste Hattrick der FA-Cup-Historie, bei der Titelverteidigung 1891 (3:1 gegen Notts County) traf er ein weiteres Mal. Nach seiner aktiven Zeit verdingte sich Townsley als Trainer auf dem Festland, coachte unter anderem die SpVgg Fürth, die er 1914 zur Deutschen Meisterschaft führte, und den FC Bayern München. 15.000 Zuschauer säumten am 3. April 1921 die Ränge des „Sandackers“ sowie die umstehenden Bäume und die Dächer der angrenzenden Häuser. Hutter glich die Führung des „Clubs“ zwei Mal aus, doch das 2:2 sollte nicht reichen. Drei Wochen später musste der SpuTv in Nürnberg unbedingt gewinnen, um ein Entscheidungsspiel zu erzwingen. Die Partie endete 0:2, Waldhof war wieder nur Zweiter, Nürnberg verteidigte als erster deutscher Klub seinen Titel.

Der „Drei-H-Sturm“ in der Nationalmannschaft: Vierter von links Willi Hutter, rechts daneben Karl Höger, dann „Seppl“ Herberger. Vierter von rechts: Alfred Au vom VfR Mannheim.

Es war dennoch ein gutes Jahr für die Waldhöfer, die in Karl Höger ihren ersten Nationalspieler hervorgebracht hatten. Am 5. Juni 1921 gehörte er zu jener deutschen Auswahl, die in Budapest Ungarn mit 0:3 unterlag. Es kam aber noch besser für den Verein. Am 18. September trug beim 3:3 gegen Finnland der komplette „Drei-H-Sturm“ den schwarzen Adler auf der weißen Brust. Vor 8000 Zuschauern traf Herberger zwei Mal (5‘, 66‘) ins Schwarze. Der Jubel auf dem Waldhof verhallte allerdings sehr schnell. Ein Artikel des „General-Anzeiger“, der hinter Herbergers Namen in Klammern die Vereinsangabe „MFC 02 Phönix“ führte, hatte für erste Verwirrung gesorgt. Wie sich später herausstellte, hatte der Phönix Herberger – und Höger – jeweils 10.000 Reichsmark gezahlt, um sie vom Waldhof wegzulotsen. Mannheim hatte seine erste „Berufspieler-Affäre“. Die beteiligten Akteure wurden gesperrt, weil sie gegen den „Amateurparagrafen“ verstoßen hatten, der SpuTv Waldhof selbst musste ebenfalls 1000 Reichsmark berappen. Höger setzte sich schließlich zum FV Bonn ab, Herberger legte Widerspruch ein und wurde im März 1922 – nachdem er die 10.000 Reichsmark an Phönix zurückgezahlt hatte – freigesprochen. Allerdings schloss er sich nun dem VfR Mannheim an, was ihm in seiner proletarischen Heimat im Norden der Stadt ziemlich übel genommen wurde. Für den Waldhof kam es derweil noch schlimmer, denn Mitte November hatte sich auch Hutter in Richtung Saarbrücken verabschiedet – der „Drei-H-Sturm“ war binnen kürzester Zeit komplett auseinandergefallen! Nicht nur in der Nationalmannschaft – der Auftritt in Finnland sollte auch der einzige bleiben –, sondern auch auf dem Waldhof. So verwundert es auch nicht, dass die Blau-Schwarzen 1922 in der Kreisliga Odenwald nur Platz zwei hinter dem MFC 08 Lindenhof belegten.

Es dauerte eine Weile, bis sich die Waldhöfer vom Verlust ihrer Aushängeschilder erholt hatten. Die Lücke wurde zumeist mit Spielern aus der zweiten Reihe geschlossen. In der Saison 1922-1923 mussten Entscheidungsspiele über den Titelgewinn im Odenwald-Kreis entscheiden, und ausgerechnet der MFC 02 Phönix war der Gegner. Nach einem 0:0 im ersten Aufeinandertreffen, das in der dritten Minute der zweiten Verlängerung abgebrochen wurde, unterlagen die Blau-Schwarzen im zweiten Duell mit 0:1. Nach einer Umstruktierung der Ligen in fünf Bezirke für den süddeutschen Raum gingen die Waldhöfer 1923-1924 im Rhein-Bezirk an den Start und stürmten mit nur einer Niederlage zum Titel. Und auch in der Sechser-Gruppe um die „Süddeutsche“ – unter anderem mit den ewigen Favoriten aus Nürnberg und Fürth – mischten sie dank der zahlreichen Tore ihrer Stürmer Heinrich Schwärzel und Albert Brückl kräftig mit. Die erstmalige Teilnahme an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft war zum Greifen nah. Mit einem Sieg in Nürnberg hätte der SpuTv am letzten Spieltag den Titel holen können. Doch wieder einmal kam es anders. Bevor die Partie angepfiffen wurde, ereilte die Waldhöfer die Meldung, dass ihnen fünf Punkte abgezogen und sie für vier Monate disqualifiziert würden. Der Grund: Abwehrrecke Georg Lidy war beim 1:0-Sieg beim FSV Frankfurt wegen „mehrfachen Handspiels“ vom Platz geflogen, kam aber – da keine offizielle Sperre verhängt worden war – beim anschließenden 3:2 gegen die Stuttgarter Kickers wieder zum Einsatz. Zwar wurden dem SpuTv im Endeffekt „nur“ die Zähler aus dem Kickers-Spiel abgezogen, die Partie in Nürnberg – die zu allem Überfluss auch noch 0:3 verloren ging – war aber damit bedeutungslos geworden. Der Rest verlief wie gehabt: Der „Club“ feierte vier Wochen später nach einem 2:0 gegen den HSV die Deutsche Meisterschaft.

Der „Sandacker“ genügte derweil den Ansprüchen nicht mehr. Auf der Suche nach einem neuen Gelände wurde der Klub „auf dem Schlackenplatz bei den Schießständen“ – heute Alsenweg – fündig. Die Premiere ging am 14. Dezember 1924 mit einem 0:1 gegen Phönix Ludwigshafen in die Hose. Der SV Waldhof, der ab November 1925 nach Lösung der Fusion auch wieder so hieß, spielte im Rheinbezirk nicht mehr die erste Geige. Der VfL Neckarau und vor allem der VfR – mit Herberger – gaben nun den Ton an.

Quelle

  • SportWoche Nr. 6/07
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